Positionspapier minderjährige unbegleitete Flüchtlinge vom 16.11.2015

Der Pflegeelternverein Nordsachsen e.V. sieht das aktuelle Ansinnen der Kommunen kritisch, minderjährige unbegleitet Flüchtlinge in Pflegefamilien unterbringen zu wollen. Es macht den Eindruck, dass hier vorschnell und unter Zeit- und Kostendruck Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden sollen, die dann in der direkten Arbeit mit dem Jugendlichen allein gelassen werden.

1. Kompetenzanforderungen

Die benötigte interkulturelle Kompetenz für die Versorgung und Integration eines Flüchtlingskindes ist nicht allein mit einer Sprachkompetenz abzudecken. Neben Sprache sollten geeignete Familien auch in den jeweiligen religiösen Kontexten gebildet sein und ebenso Kompetenzen vorweisen, die mit der streng patriachalichen und männerdominierten Lebensweise umgehen können. Im Rahmen dessen müsste die Pflegefamilie das Fingerspitzengefühl haben, den biografischen Kontext zu berücksichtigen, aber gleichzeitig eine Heranführung an den deutschen Wertekontext ermöglichen. Weiterhin muss man davon ausgehen, dass die Kinder und Jugendlichen, die als unbegleitete Flüchtlinge kommen, erhebliche Traumatisierungen durch Krieg, Verfolgung und Flucht erlitten haben. Es gibt bisher wenige spezielle Angebote, die mit diesen Traumatisierungen umgehen bzw. diese bearbeiten können, innerhalb von Pflegefamilien noch weniger. Bisher war es auch Normalität, dass man in der Regel davon ausging, dass Kinder nur unter ca. 12 Jahren in Pflegefamilien vermittelt werden. Es gibt umfassende Erfahrungen und Studien dazu, warum gerade mit Beginn der Pubertät und darüber hinaus, Pflegefamilien mit ihren spezifischen Integrationsanforderungen an Kinder und Jugendliche, eher ungeeignet für ältere Kinder sind. Kinder in der Pubertät noch in eine Pflegefamilie zu integrieren, obwohl dies ja eher die Zeit der Abnabelung ist, benötig umfassende pädagogische und psychologische Kompetenzen, die selten bis nie in den Pflegefamilien gegeben sind.

2. Prüfung der Eignung als Pflegefamilie

Ein hohes Gut der Fachlichkeit ist die umfassende Prüfung und Schulung von Pflegeelternbewerbern. Nicht umsonst dauert - auch aufgrund der teilweise negativen Erfahrungen der letzten Jahre mit unzureichender Prüfung von Pflegeeltern - das Prüfungsverfahren bis zu einem halben Jahr. Die verantwortlichen Fachkräfte müssen dabei sicherstellen, dass nicht nur für das Kind bzw. dem Jugendlichen eine gedeihliche Perspektive geboten wird, sondern haben auch gleichzeitig eine Schutzfunktion gegenüber den Pflegefamilien. Hier schnell in wohlmeinenden Familien nur aus Kosten- und Platzgründen Jugendliche unterbringen zu wollen, ist kein Zeichen von Fachlichkeit, sondern eher von Hilflosigkeit. Die dann wieder medial auszuschlachtenden gescheiterten Maßnahmen werden nicht lange auf sich warten lassen - ein Bärendienst für das Pflegekinderwesen im Allgemeinen.

3. Betreuung/Beratung der Jugendlichen und Pflegefamilien

Es gibt bisher wenige Erfahrungen und Konzepte, wie Pflegefamilien von Seiten der Verantwortlichen begleitet und unterstützt werden können. Weder gibt es ausreichend Personal in den Ämtern noch bei freien Trägern, die eine fachliche wie auch menschliche Begleitung von Jugendlichen und Pflegefamilien sicherstellen können. Schon heute leiden die Fachkräfte unter einer permanenten Arbeitsüberlastung. Beratungsangebote für Pflegefamilien sind kaum vorhanden bzw. haben teilweise nicht unerhebliche Wartezeiten. Insbesondere bei zu erwartenden Konfliktsituationen ist zu befürchten, dass Pflegefamilien schnell alleine dastehen und überfordert sind.

4. Pflegekinderwesen

Das Pflegekinderwesen ist schon lange das "Stiefkind" der Hilfen zur Erziehung. Verschiedenste falsche Grundannahmen, gepaart mit reißerischen Artikeln in den Medien, spiegeln nicht die tatsächlich gelebte Realität wieder. Wenn man aller 3 bis 5 Jahre einen deutschlandweiten Fall im Blätterwald rauschen hört, so vergessen Alle, dass tausende Pflegefamilien in ganz Deutschland tagtäglich, 24 Stunden am Tag, eine Leistung vollbringen, die man kaum quantifizieren kann. Pflegeeltern übernehmen Aufgaben des Staates, um den Kindern und Jugendlichen eine Lebensperspektive zu ermöglichen, um ihnen ein geborgenes Heim und emotionale Zuwendung zu geben, um sie einfach Kind sein zu lassen und dies für einen Bruchteil der Kosten einer Heimunterbringung. Pauschal könnte man sagen, dass ein Kind in einer Pflegefamilie pro Monat den Kostenträger zwischen 1500 und 3000 Euro Ersparnis bringt, also gut und gerne ca. 20.000 Euro jährlich.Die gesellschaftliche Übertragung von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen auf das Pflegekinderwesen ist eine Überforderung eines Systems, an welches Anforderungen gestellt werden, die gar nicht zu leisten sind. Weder in den Ämtern noch in den Pflegefamilien sind dafür ausreichend Kompetenzen vorhanden.

In den Medien liest man nun immer wieder, „wie viel Geld man für ein Flüchtlingskind bekommt“. Diese einseitige Debatte wird dauerhaft das Pflegekinderwesen schädigen, da weder in den Artikeln quantifiziert ist, wie sich die Beträge zusammensetzen, noch, dass dies allgemeine Sätze sind, die für alle Pflegekinder unabhängig von Religion und Herkunft gelten. Gleichzeitig bedient diese Reduktion der Kinder und Jugendlichen auf einen Betrag X nicht nur genau die Klischees, denen sich das Pflegekinderwesen im Allgemeinen ausgesetzt sieht, sondern auch die Ressentiments, dass „Flüchtlinge einem das Geld wegnehmen“.

Als Verein der Pflegeltern in Nordsachsen befürchten wir, dass neben der Absenkung von jetzt schon minimalen Fachstandards eine gesellschaftliche Debatte stattfindet, die am Wesen und der Aufgabe von Pflegefamilien vorbeigeht bzw. diese überfordert.

Das Pflegekinderwesen, wenn es denn ein gutes, tragfähiges sein soll, kann es nicht leisten, als Notanker überforderter Kommunen zu dienen. Weder liegen hier zu großen Teilen diese speziellen Kompetenzen in den Familien vor, noch gibt es adäquate Angebote, um Pflegefamilien bei solch einer humanitären Aufgabe zu unterstützen. Prinzipiell sollte vorher eine gute personelle wie materielle Ausstattung rund um die Pflegefamilien vorliegen, bevor hier Sonderaufgaben zu übertragen sind.

Wir würden uns daher wünschen, dass es eine gesellschaftliche Debatte mit Verantwortlichen aus den Fachämtern, mit Fachpolitikern und Pflegeeltern gibt, wie das Pflegekinderwesen ausgestaltet werden kann, damit es in Zukunft auch leistungsfähig bleibt.

Wir würden uns wünschen, dass das Pflegekinderwesen aus dem Schatten der großen HzE-Maßnahmen herausgeholt und als eine gleichberechtigte und notwendige Hilfemaßnahme anerkannt wird. Pflegefamilien sind nicht einfach nur "Dumping-Kinderheime", die den einzelnen Landkreisen oder Städten jährlich Millionen* sparen,

Pflegefamilie sind hochgradig engagierte Menschen, Mütter und Väter, die über den eigenen Tellerrand hinaus Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernehmen, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können.

Diskussionspunkte in solch einer Debatte wären in unseren Augen:

- Weiterer Ausbau (insbesondere personell) des Pflegekinderdienstes und Vormundschaftswesens im Jugendamt

- Vereinfachte Verwaltungsverfahren in der wirtschaftlichen Jugendhilfe

- Akzeptanz der Pflegeeltern als gleichberechtigte Partner in den verschiedenen Prozessen der Hilfeausgestaltung

- Aus- bzw. Aufbau eines Weiterbildungs- und Supervisionswesens für Pflegeeltern, welches sich am realen Bedarf der Pflegeeltern orientiert

- Einbeziehung von Pflegeeltern in polit. Entscheidungsprozesse und fachl. Umsetzungen, die die Weiterentwicklung des Pflegekinderwesens zum Ziel haben

- Gleichbehandlung der Pflegeeltern unabhängig vom jeweiligen Sachbearbeiter sowie mehr Transparenz und Bedürfnisorientierung der Verwaltungsfachleute

Ziel und Auftrag der Jugendämter ist es, für jedes Kind und jeden Jugendlichen die passende Hilfeform zu finden und zu begleiten und nicht Unterbringung um jeden Preis. Hier müssen auch Jugendämter stark gemacht werden, die politischen Wünsche und Anweisungen auf ein fachlich tragbares Fundament zu stellen.

Die Aufgaben, vor denen das Jugendhilfesystem steht, sind nicht von heute auf morgen zu bewältigen, auch wird es hierfür keine kurzfristigen schnellen Lösungen geben. Ein tragfähiges Jugendhilfesystem mit vielfältigen Angeboten, orientiert am Wohle des einzelnen Kindes, braucht Zeit zum Wachsen und Werden, braucht eine sichere materielle Basis, braucht politische wie verwaltungstechnische Unterstützung. Nur so werden in Zukunft Probleme gelöst werden. Neben dem ganzen Bereich der Migration, steht die Jugendhilfe vor vielen weiteren, sich verschärfenden Problemen. Kinder von Drogengebrauchenden, eine größer werdende Schicht an Armutsbevölkerung, zunehmende Überforderung von Eltern mit Erziehungsaufgaben, um nur einige zu nennen. Es bewahrheitet sich immer wieder der Spruch: „Wer in der Jugendhilfe spart, zahlt doppelt!“

Pflegefamilien können einen Beitrag leisten, das Jugendhilfesystem zu entlasten, personell wie auch finanziell. Dies kann aber nur geschehen, wenn Pflegeeltern gesellschaftlich wie auch politisch in ihren vielfältigen Leistungen anerkannt werden. Wenn eine breite gesellschaftliche Debatte es ermöglicht das Ansehen der Pflegeeltern zu steigern, können so das mehr Menschen gewonnen werden, die sich eine förderliche Entwicklung von Kindern mit ihren speziellen Problemlagen zur Aufgabe machen. Mehr Pflegefamilien bedeutet mehr Unterbringungsmöglichkeiten, entlastet Kinderheime und andere stationäre Unterbringungen, die sich dann wiederum als hochprofessionelle Fachkräfte auf die jeweiligen Krisenherde der Jugendhilfe konzentrieren können. So könnte mit einer längerfristig angelegten Strategie nicht nur erhebliche finanzielle Mittel eingespart werden, sondern auch ein flexibleres und leistungsfähigeres Jugendhilfesystem etabliert werden, welches auch den Aufgaben der Zukunft gewachsen ist.

Pflegeeltern sind bereit und willens sich einzubringen und sich zu engagieren, viele weitere Menschen könnten sich durchaus vorstellen, einem Kind ein zu Hause auf Zeit oder Dauer zu bieten, jedoch nicht als Lückenbüßer in Krisensituationen oder als Notstandshelfer.

Für den Pflegeelternverein Nordsachsen e.V.

Jana Krause (Vorsitzende)

* Angenommen für 150 Pflegekinder im Landkreis Nordsachsen, bei einem Kostensatz von 1000 Euro pro Kind in der Pflegefamilie im Gegensatz zur stationären Vollzeitpflege mit 3000 Euro. Pro Kind 2000 Euro Ersparnis auf 12 Monate 24.000 Euro mal 150 Pflegekinder sind dies 3.000.000 Euro jährliche Finanzmittel die der Landkreis nicht aufwenden muss.